14. December 2017

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Katzenbabies

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Für ein Experiment brachten Forscher Katzenbabys in einen Raum, in dem es keine vertikalen Linien gab. Wochen später, als die Katzen in eine „normale“ Umgebung zurückkehrten, konnten sie Gegenstände mit einer vertikalen Dimension nicht sehen (wie einen Stuhl mit Beinen) und liefen dagegen.

Wenn ich am Morgen aufwache, weiß ich für einen Bruchteil einer Sekunde nicht, wer ich bin. In diesem Moment hätte ich theoretisch die Möglichkeit, mich selbst und die Realität völlig neu wahr zu nehmen. Aber ich verweigere mich dieser Möglichkeit, denn ich muss wahrscheinlich gleich funktionieren, mein morgendliches Reinigungsritual vollziehen, frühstücken, rechtzeitig an der S-Bahn sein, die Papiere, die ich gestern mit nach Hause nahm, nicht vergessen etc. Dementsprechend lassen wir den Moment der Wahrnehmungserneuerung verstreichen und alles läuft wie gestern und vorgestern, ich schaffe mein Pensum, das Müsli schmeckt wie immer, der Kaffee ist mein Lieblingskaffee schon seit 9 Jahren; die S-Bahn ist genauso überfüllt wie immer usw.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Informationsmenge, die über unsere fünf Sinne einströmt, in einer unglaublichen Größenordnung von etwa 400 Milliarden Bits pro Sekunde liegt. Die Hauptaufgabe des Gehirns besteht darin, dass es alle bedeutungslosen Informationen herausfiltert, die unsere Fokussierung auf den nächsten Schritt stören könnten. Also nehmen wir niemals die Realität wahr, sondern nur den Ausschnitt, der für die Anpassungsfähigkeit an unsere Umgebung relevant ist. Was wiederum vom Gehirn als relevant wahrgenommen wird, hängt von unseren Emotionen ab: 400 Milliarden Bits kommen rein, aber nur das, was emotional besetzt ist, geht in die Wahrnehmung ein und wird dementsprechend auch im Gedächtnis abgespeichert. Emotionen gewichten Informationen nach ihrer Bedeutung. Wir sind wie die Katzenbabies: Was wir nicht als für das Navigieren in unserer Umgebung als relevant wahrzunehmen gelernt haben, sehen wir buchstäblich nicht.

Wie können wir also unsere Wahrnehmung der Realität überhaupt verändern? Dazu brauchen wir neue Erfahrungen und neue emotionale Besetzungen. Wie wäre es, wenn wir den Augenblick des Aufwachens am Morgen wirklich bewusst als einen Moment der Wahlmöglichkeit begreifen? Will ich etwa den neuen Tag ebenso bewerten wie den gestrigen, nämlich als langweilige Routine, oder will ich ihn bewusst anders angehen? Ich könnte mir zum Beispiel vornehmen, mein Müsli achtsamer zu essen. Ich könnte auf der S-Bahn zur Arbeit, meine Mitreisenden achtsamer wahrnehmen. Ich könnte mich auch dafür entscheiden, mir selbst mehr Wertschätzung entgegen zu bringen. Ich könnte mich innerlich mit meiner Freundin in New York verbinden, die heute Geburtstag hat. Ich könnte eine Emotion pflegen, die erwiesenermaßen Glück erzeugt, nämlich Dankbarkeit. Ich könnte in mir nachsehen, wem gegenüber ich dieses Gefühl der Dankbarkeit empfinde und mich innerlich mit diesem Menschen verbinden. Das funktioniert übrigens auch, wenn dieser Mensch nicht mehr unter den Lebenden weilt: die Dankbarkeit selbst ist das Geschenk an dich, das deine Wahrnehmung der Realität verändern wird. Aber was ist, wenn ich in diesem ersten Moment des Tages von einer negativen Emotion angefallen werde? Ich könnte im Gegensatz zu gestern, als sie auch schon da war, neu damit umgehen. Sagen wir, es sei Wut, die da ist. Ich könnte mich neu entscheiden, welche Haltung ich dieser Wut gegenüber einnehme: Statt sie den ganzen Tag mit mir rumzuschleppen und jedes Erlebnis wütend einzufärben, könnte ich zu der Wut sagen: Hallo, da bist du ja, danke, dass du dich zeigst. Ich könnte ein bisschen früher aufstehen, eine Punk-CD auflegen und mir die negative Emotion aus den Gliedern schütteln. Oder, Du fühlst dich niedergedrückt in diesem ersten Moment. Statt dich als Opfer deiner niedergedrückten Stimmung zu fühlen, könntest du an diesem neuen Tag jemandem helfen, dem es auch schlecht oder noch schlechter geht als dir. Erwiesenermaßen hilft das Helfen über Gefühle der eigenen Hilflosigkeit hinweg.

Neue Erfahrungen schaffen neue neuronale Verbindungen. Statt die alten Gehirn- Autobahnen gewohnheitsmäßig abzufahren, können wir neue schaffen und mit neuen Emotionen relevant machen. Auf diesem Weg können wir sogar unser genetisches Schicksal transzendieren. Aber es bedarf der Entscheidung zur Bewusstwerdung. Denn bevor wir neue Haltungen, Paradigmen entwickeln, müssen wir uns erst der alten, routinierten bewusst werden. Wir können uns bewusst machen, dass wir sie einst um des Überlebens willen wählten, weil sie uns Sicherheit vermittelten. Und wir können uns bewusst machen, dass sie jetzt nicht mehr ausreichen, dass sie uns einengen und unfrei machen. Erst wenn wir erkennen, dass wir Menschen Schöpfer unserer Wahrnehmung sind – der verzerrenden wie der brandneuen – können wir durch unsere Wahrnehmung eine neue Realität kreieren.

 

~ Sylvia Schöningh-Taylor

 

Sylvia Schöningh

Sylvia Schöningh

1949, im Geburtsjahr meiner Nation am nordhessischen Zonenrand geboren. Sie ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. 1968-1975 absolvierte sie ihr Studium Germanistik/Politik in Marburg und Berlin. 1972 Veröffentlichung "Geschichte und Ideologie" mit Reinhard Kühnl u.a. 1976-1986 Lehrtätigkeit am Elisabethengymnasium in Frankfurt/Main 1986-1988 Diplom Theaterpädagogik, Hochschule der Künste/Berlin 1988-2004 Übersiedlung nach England; Arbeit in Freien Theaterprojekten, Theaterpädagogische Tätigkeit in Schulen Und Art Centres, Gründung eines Puppentheaters Seit 2004 Rückkehr nach Deutschland Arbeit als Märchenerzählerin in Schulen und Altenheimen, Schauspielerin beim Galli-Theater; Ausbildung und Tätigkeit als Psychosynthese-Therapeutin. 2007 Veröffentlichung des Erzählbandes "Seelenknoten" im R.G.Fischer Verlag Schultheater-Projekt Franz Schubert Schule Neukölln Veröffentlichung in "Mein heimliches Auge", Konkursbuch Mitglied der Frankfurter Literaturwerkstatt, Teilnahme an und Moderation von deren öffentlichen Lesungen 2008 Zertifikat Tantra-Lehrerin bei Erospirit 2012/13 In Clown-Ausbildung bei David Gilmore 2013 Veröffentlichung des Spirituellen Romans "Das Schwarze Loch in mir"  bei Verlag 3.0 2013 Graduierung in Psychology of Vision bei Dr.Chuck Spezzano


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